Arbeitskräfte zum Schnäppchenpreis

Arbeitskräfte zum SchnäppchenpreisEin Praktikum ist ein Ausbildungsverhältnis. Von unserer täglichen Arbeit wissen wir aber, dass es das in den seltensten Fällen ist. Anstatt junge Menschen auszubilden, werden sie in der Regel als billige oder gratis Arbeitskräfte ausgenutzt. Unter dem Schein eines Praktikums werden sie als Karenzvertretung, Urlaubsvertretung oder systematisch als billige Arbeitskräfte auf bestimmte Zeit ins Unternehmen geholt. Oft auch mit der Aussicht auf Fixanstellung, für die später aber das Geld fehlt. Die Arbeitsleistung, die erbracht wird, ist die eines regulären Mitarbeiters oder Mitarbeiterin – bezahlt werden vielleicht 200 bis 500 Euro, wenn überhaupt. Oftmals bekommen „PraktikantInnen“ für ihre Arbeit von 38,5 Wochenstunden gar nichts. Die Generation Praktikum ist Realität. Zwar gibt es immer wieder Institutionen wie das AMS oder die Wirtschaft, die behaupten ihre Zahlen können das nicht bestätigen. Unsere Erfahrung und Beratung von unzähligen Betroffenen sagt anderes.

Denn auch, wenn in einem standard.at Artikel steht, dass drei von vier jungen Erwachsenen innerhalb eines Jahres nach Abschluss der Ausbildung eine mindestens dreimonatige Stelle finden und durchschnittlich ja eh nur ein Praktikum gemacht wird, heißt das für uns nicht, dass alles gut ist. Denn was ist mit den 25%, die keine Stelle finden? Und wer kann mit einer dreimonatigen Stelle beginnen sein Leben zu planen oder von Sicherheit sprechen? Mal ganz abgesehen davon, ob die jungen BerufseinsteigerInnen sich in Jobs finden, für die sie ausgebildet wurden oder, ob sie einer Arbeit nachgehen, die gar nichts mit ihrem Studium oder Berufsausbildung zu tun haben. Das wird nämlich bei solchen Statistiken meist nicht untersucht.

Wenn Unternehmen PraktikantInnen suchen, die ein abgeschlossenes Studium und mehrjährige Berufserfahrung haben sollen, sowie eigenständiges Arbeiten im Ausmaß von 40 Stunden verlangen und dafür nichts bezahlt wird, weil das „ja mittlerweile üblich ist“, dann darf sich niemand wundern, wenn wir sie wegen Lohn- und Sozialdumping anzeigen. Die Watchlist-Praktikum liefert uns solche Fälle schwarz auf weiß. Mehr als 100.000 Zugriffe und hunderte Meldungen über Missstände bei Praktika sind genug Beweis, dass gegen die Ausbeutung junger Menschen vorgegangen werden muss. UnternehmerInnen sollten sich vorher überlegen ob sie eine Arbeitskraft benötigen oder jemanden mithilfe eines Praktikums ausbilden wollen, und nicht uns vorwerfen, dass wir mit der Watchlist jungen Menschen die Chancen auf Berufserfahrung zerstören. Dieser Vorwurf zeigt nur die Angst der UnternehmerInnen, Arbeitskräfte nicht mehr zum Schnäppchenpreis haben zu können.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.