„Die Mogelei beginnt schon dort, wenn auf einem Vertrag das Wort ‚Praktikum‘ steht“ Interview der Zeitung TIPS mit GPA-djp Sekretär Hofmann

ST. PÖLTEN. Bald beginnen wieder die Sommerferien und damit die Praktikumszeit für Schüler und Studenten, um den Konto- oder Wissensstand aufzubessern. Dabei gibt es allerdings sowohl vonseiten der Praktikanten als auch vonseiten der Praktikumsgeber einiges zu beachten, wie uns Christian Hofmann, der Bundesjugendsekretär von der Gewerkschaft der Privatangestellten, Druck, Journalismus, Papier (GPA-djp) erzählt.

Tips: Auf was muss man achten, wenn man sich für ein Praktikum bewirbt?

Christian Hofmann: Was man vorneweg sagen muss, ist, dass im österreichischen Arbeitsrecht das Wort Praktikum exakt null Mal vorkommt, weil es arbeitsrechtlich nicht geregelt ist. Es handelt sich primär um eine Erfindung an Schulen, Universitäten und Fachhochschulen, wo es in Form eines Pflichtpraktikums gefordert wird. Daneben gibt es noch die Freiwilligenpraktika. Da es wie gesagt arbeitsrechtlich nicht geregelt ist, ist das, was als Praktikum verkauft wird, meistens ein kurzfristiges Arbeitsverhältnis, für das man auch dementsprechend entlohnt werden muss. In Österreich ist es kein Problem, jemanden für ein, zwei oder drei Monate anzustellen. Manche Unternehmen, die Praktika ausschreiben, mogeln dabei aber, das heißt sie halten sich nicht an gängige Bestimmungen was die Bezahlung oder die Arbeitszeiten betrifft. Oft herrscht auch einfach Unwissenheit zu diesen Themen.

Tips: Das heißt, ein Praktikant muss genauso viel bezahlt bekommen wie ein Angestellter?

Hofmann: Es gibt eine Ausnahme, bei der ein Praktikum nicht bezahlt werden muss, nämlich bei einem sogenannten Ausbildungsverhältnis. Die Ausbildung steht hier primär im Vordergrund. Es geht dabei also ums Lernen und um das angeleitete Lernen, das heißt, es gibt jemanden, der dem Praktikanten etwas beibringt. „Learning by doing“ fällt nicht darunter, weil es schon von Definition her keine Ausbildung sein kann. In einem Ausbildungsverhältnis investiert das Unternehmen Zeit und Energie, um den Praktikanten unter Anleitung etwas beizubringen. Es gibt aber einen ziemlichen Graubereich zwischen Ausbildung und Arbeit.

Tips: Wo kann man sich hinwenden, wenn man glaubt, vom Dienstgeber ausgenutzt zu werden?

Hofmann: Da gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man geht zur Arbeiterkammer oder zur Gewerkschaft. Es gibt auch die Möglichkeit, Beschwerden anonym auf www-watchlist-praktikum.at zu melden. Wir empfehlen aber, sich direkt an die Jugendabteilung der Gewerkschaft zu wenden, um eine Beratung zu erhalten und die Arbeits- und Praktikumsverträge überprüfen zulassen. Praktika sind zwar arbeitsrechtlich nicht geregelt, es gibt aber einige Kollektivverträge, die eine eigene Gehaltstabelle für Praktikanten beinhalten. In Branchen, in denen Gewerkschaften stark sind – zum Beispiel in der Industrie -, gibt es Entschädigungen für Praktika, die über 1000 Euro liegen. In anderen Bereichen sind die Gewerkschaften schwächer, und da liegt das Praktikumsgehalt deutlich darunter. Wenn man glaubt, ungerechterweise kein Gehalt bezogen zu haben, kann man auch im Nachhinein Geld einfordern. Man muss dabei aber ziemlich schnell sein, denn es gibt in den Kollektivverträgen sogenannte Verfallsfristen. Wenn man seine Ansprüche nicht bis Ablauf der Frist geltend macht, hat man Pech gehabt.

Tips: Unbezahlte Praktika sind also nicht ungerechtfertigt?

Hofmann: Nein. Aus unserer persönlichen Erfahrung bei den Beratungsgesprächen heraus müssen wir aber sagen, dass 90 Prozent dessen, was als Praktikum verkauft wird, kurzzeitige Arbeitsverhältnisse und daher dementsprechend zu bezahlen sind. Die Ausbildungsverhältnisse, in denen es gerechtfertigt ist, kein Gehalt zu bezahlen, sind nur ein kleiner Bruchteil. Das hängt aber auch von der Branche ab. In der Werbewirtschaft ist es etwas komplizierter, weil es da keinen österreichweiten Kollektivvertrag gibt.

Tips: Hat man auch Anspruch auf Weihnachts- und Urlaubsgeld?

Hofmann: Das hängt von der Dauer des Arbeitsverhältnisses ab. Bei einem befristeten Arbeitsverhältnis hat man Anspruch auf ein aliquotes Weihnachts- und Urlaubsgeld für die Zeit, die man im Unternehmen gearbeitet hat. Prinzipiell stehen einem auch gewisse Zulagen zu wie Nacht- oder Feiertagszulagen.

Tips: In welchen Bereichen wird vonseiten der Unternehmen noch gemogelt?

Hofmann: Viele Studenten wissen nicht, dass Praktika arbeitsrechtlich gar nicht definiert sind. Die Mogelei beginnt schon dort, wenn auf einem Vertrag das Wort „Praktikum“ steht. Es geht immer um die Tätigkeit, die man konkret vor Ort macht. Bei dem Wort Praktikum glauben viele sofort, dass die Stelle schlecht oder unbezahlt ist, nehmen sie aber trotzdem an, weil sie glauben, dass es für den eigenen Lebenslauf gut ist.

Tips: Gibt es auch Probleme bei der Einhaltung der Arbeitszeiten?

Hofmann: Die Arbeitszeiten sind kollektivvertraglich geregelt. Was für die Angestellten gilt, gilt auch für den Praktikanten. Ich will jetzt aber keine allgemeine Kritik an den Unternehmern üben. Es gibt welche, die sich sehr vorbildlich um ihre Praktikanten bemühen. Es gibt aber auch schwarze Schafe oder welche, die ganz einfach zu „botschad“ sind, die Regeln nicht ganz verstehen und dann einfach irgendwas machen.

Tips: Wo können sich Unternehmer über Praktika informieren?

Hofmann: Bei der Wirtschaftskammer. Sie kann aber natürlich nicht jedes Unternehmen kontrollieren und die Umsetzung überprüfen.

https://www.tips.at/news/st-poelten/wirtschaft-politik/425240-die-mogelei-beginnt-schon-dort-wenn-auf-einem-vertrag-das-wort-praktikum-steht

 

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